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„Dann musst du aber auch…“

Heute möchte ich mal etwas loswerden, das nur indirekt mit zu testenden Produkten zu tun hat. Es ist ein eher leidiges Thema, aber man begegnet ihm immer wieder, wenn man in veganen / nachhaltigen Gruppen und Foren unterwegs ist. Zusammenfassen lässt es sich mit „Dann musst du aber auch…“

Fast egal wie der Satz weitergeht, er treibt meinen Blutdruck in die Höhe.

So ein paar Beispiele wären:

„Dann musst du aber auch auf Weizenprodukte verzichten“ – wenn ich erkläre, dass ich unter anderem wegen gesundheitlicher Gründe auf Fleisch und Milchprodukte verzichte.

„Dann musst du aber auch auf Fleischersatzprodukte verzichten“ – weil man meint es wäre inkonsequent wenn ich mir einen Hirsebratling aufs Brötchen lege, weil ich einen „Burger imitieren“ will.

„Dann musst du aber auch aufs Autofahren verzichten“ – wenn ich sage, dass ich z.B. versuche Palmöl oder Soja-Produkte, für die Regenwald gerodet wurde, zu vermeiden.

Man MUSS eigentlich eine ganze Menge, wenn man sich das so anhört. Aber um es mal auf den Punkt zu bringen: EINEN SCHEISS muss ich. Ich versuche mich möglichst nachhaltig, tier-, mensch- und umweltfreundlich zu verhalten. So viel „sollte“ muss schon sein. Und man entwickelt sich ja eh stetig weiter und achtet auf mehr und mehr. Aber sich von jemandem, der auf GAR NICHTS achtet sagen zu lassen, man müsse dann wenn schon auf ALLES achten, ist ziemlich mies. Und die Ausrede „ich kann unmöglich auf ALLES Rücksicht nehmen, darum nehme ich lieber auf GAR NICHTS Rücksicht“ ist auch eher schwach.

(Beispiel: „Für Getreide werden Felder bestellt und abgeerntet – dabei können Kleintiere versehentlich verletzt und getötet werden – ergo kann ich auch gleich weiter Fleisch und Milchprodukte essen, kommt ja aufs selbe raus. Außerdem tritt man auch mal auf einen Käfer. ALSO!“)

Aber halt, um die anti-vegane „Argumentations“kette geht es mir heute gar nicht.

What really grinds my gears ist, dass diese Forderungen inzwischen nicht mehr nur von vielen Omnivoren an Veganer gestellt werden, sondern dass diese Phrase auch „innerhalb“ verwendet wird.

Und zwar immer, wenn jemand sagt, dass er eine Firma nicht unterstützen möchte, wenn sie ihr Hauptgeschäft, neben den veganen Alternativen, mit Fleisch- und Milchprodukten macht. Wiesenhof wäre da so ein Beispiel. Sobald jemand sagt, er wolle diese Firma nicht unterstützen kommt er wieder, der gefürchtete Satz: „Dann musst du aber auch…“

In der Regel endet er mit „…in rein veganen Supermärkten kaufen, weil Edeka / Lidl / Kaufland / Whoever“ ja auch mit Fleisch und Milchprodukten Geld verdienen.“ Und während sich mein Kopf da jedes Mal der Tischplatte gefährlich nähert durchzuckt mich noch der ein oder andere Gedanke dazu.

Zunächst mal stelle ich mir grundsätzlich die Frage, warum grade Menschen, die diese doch sehr schwache Argumentation doch auch selbst öfter über sich ergehen lassen müssen, genau denselben Kommentar vor sich geben. Entschließt sich ein anderer Mensch dazu, auf etwas zu verzichten, weil er bestimmte Dinge nicht unterstützen möchte, gibt es daran doch zunächst mal gar nichts auszusetzen. Und es wird sich wohl niemand dafür einsetzen wollen, dass man rein vegane Firmen meidet, oder?! Warum dann jenen, die diese bevorzugen, so über den Mund fahren?

Ja, natürlich verdient auch Edeka sein Geld mit Fleisch. Dann wäre es ja quasi egal, ob ich lieber kleine Obst- und Gemüsehändler in der Region unterstütze, wenn ich mein Klopapier dann trotzdem bei Edeka kaufe und denen somit Geld zukommen lasse. Ihr merkt, worauf ich hinaus möchte?

Wenn jemand sagt, er möchte lieber einen kleinen Betrieb, der Wert auf tier(leid)-freie und nachhaltige Produkte legt, unterstützen, anstatt den millionenschweren Großkonzern, so schön es ja auch ist, dass dieser nun auch veganes anbietet, dann ist das doch nichts schlechtes, oder etwa doch? Zur ökologischeren oder ethisch „löblicheren“ Variante zu greifen, wenn denn möglich, ist zumindest in meinen Augen nichts, dem ich widersprechen würde.

Mich persönlich betrifft das insofern, dass ich hier auch mal Produkte vorstelle, die eben NICHT dem 1000%igen Vegan-Sein entsprechen – also vegane Produkte von eigentlich nicht veganen Firmen oder Firmen, die an anderer Stelle zu kritisieren sind.

Zwei Beispiele hier wären der Simply V „Frischkäse“, dessen Mutterkonzern eigentlich Milchprodukte herstellt oder eben inzwischen auch wieder Produkte von Alpro, wie der „Go On Quark“. Ersteren meide ich inzwischen hauptsächlich wegen der verwendeten Mandeln aus Kalifornien, Alpro wegen seiner nun erneuerten Bindung zu Monsanto, die ich so wenig wie nur möglich unterstützen möchte. Allerdings kaufe ich gelegentlich ein Wurstersatzprodukt, das von einer nicht rein-veganen Firma produziert wird. Trotzdem werde ich immer auf dessen Herkunft hinweisen, wenn ich darüber schreibe.

Einfach aus folgenden Gründen:

Ich versuche IMMER den Hintergrund der hier vorgestellten Produkte mit anzugeben, unabhängig davon ob man diesen persönlich nun als positiv, negativ oder neutral bewertet. Das überlasse ich euch. Stört ihr euch nicht daran – ok. Möchtet ihr das Produkt dann lieber nicht kaufen so wisst ihr jetzt wenigstens Bescheid. Gerade für Menschen die darauf achten sind diese Informationen nun mal von Bedeutung. Und DAS ihr darauf achtet ist für mich – wie könnte es auch – nichts Verwerfliches. Selbst wenn ihr euer Brot dann trotzdem noch bei Aldi kauft. Und schon gar nicht, wenn ihr wirklich ÜBERALL drauf schaut, dass es „korrekt“ ist. Im Gegenteil, ich bewundere in dem Fall eure Integrität. Und sicher werde ich das nicht mit einem „Dann müsst ihr aber auch…“ abwerten.

Aus diesem Grund finde ich es gut, wenn in entsprechenden Foren und Gruppen auf diese Umstände hingewiesen wird. Das soll für niemanden ein persönlicher Angriff sein, es ist schlicht eine Information für jene, die darauf achten.

Im Großen und Ganzen finde ich es ja eh begrüßenswert, dass auch „Mainstream“-Firmen vegane Produkte anbieten und somit mehr Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. Da greifen vielleicht auch mal Fleischesser zu einer veganen Alternative und werden so evtl. auch zum Umdenken bewegt.

Müsste ich ins Blaue raten würde ich diese „Dann musst du aber auch…“ Reaktion im selben Bereich ansiedeln, wie den Kommentar eines Fleischessers, der mir mein vegan-sein madig machen möchte.  Der Mensch fühlt sich automatisch in seinem eigenen Wertesystem verletzt, wenn jemand anderes mit seiner bloßen Anwesenheit das eigene Verhalten in Frage stellt.

So sagt man ja auch, dass viele Fleischesser gerade deshalb so heftig – und ungefragt – gegen Veganismus argumentieren wenn sie einem Veganer über den Weg laufen, weil das eigene Wertesystem damit „angegriffen“ wird.

Viele kennen ja evtl. das folgende Szenario:

F: Warum willst du denn kein [Schnitzel]?
A: Weil ich kein Fleisch esse.
F: Bist du etwa Vegetarier oder Veganer?
A: Ja, Veganer.
F: Ach… also ich könnte das ja nicht, ist ja auch total ungesund und wo bekommst du denn überhaupt dein Eiweiß her?! Aber mir ist ja auch wichtig wo mein Fleisch herkommt und ich kaufe auch immer nur beim Bauern um die Ecke und auch nur ganz wenig!

Nicht das man gefragt hätte oder so… Und wehe man erliegt der Versuchung auf diese Aussagen auch noch zu antworten. Denn erfahrungsgemäß wird ein schlichtes „Auf Fragen antworten“ am Ende als aufdringliches „missionieren“ gewertet. Man wird quasi zum wandelnden Angriff, wenn dem anderen bewusst wird, dass man sein Handeln für sich selbst ablehnt und nicht gut findet.

(Nur um das jetzt nicht so „böse“ rüberzubringen: Ich selbst habe früher auch so argumentiert. Das wird einem halt erst bewusst, wenn man aus dem Kreis endlich ausgebrochen ist).

Man möchte sich selbst als „guten“ Menschen sehen (nein, ich will jetzt nicht behaupten, Veganer wären die besseren Menschen!!), aber man weiß natürlich, dass für Fleisch, Wurst, Käse und Eier Tiere gequält und getötet werden. Auch die kleinen, niedlichen. Meist blendet man aus, dass der Fleischkäs im Brötchen mal Bestandteil eines lebenden Wesens war oder redet sich ein, dass das Fleisch „vom Metzger um die Ecke“ ja völlig Qual-frei zustande gekommen ist. Selbst wenn man da eigentlich nie kauft und das ganze Hähnchen auf dem Teller grade beim Discounter für 1,49€ im Angebot war. Ist aber ein Veganer im Raum gerät dieses Schutzdenken ins Wanken.

Und eben in dieser Ecke vermute ich den „Dann musst du aber auch…“-Reflex auch beim „Ersatzprodukt von unveganen Firmen“. Im Grunde wissen wir alle, dass es eine gute Sache ist eher die kleinen, lokalen, ethisch korrekteren Firmen zu unterstützen. Nur tun wir es eben nicht immer. Ohne das jetzt vorwurfsvoll zu meinen, betrifft mich selbst ja auch.

Also müssen wir uns quasi vor Augen halten, dass man ja eh nicht immer und überall drauf achten kann. Und solange wir uns den Poppes mit Lidl-Klopapier abwischen, können wir auch vegane Wurst von Wiesenhof kaufen.

Immerhin bin ich gestern auch ausversehen auf eine Schnecke getreten.

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ANMERKUNG: Dieser Beitrag soll keineswegs ein Angriff auf jemanden sein, weder auf „Omnivore“ noch auf Veganer, die sich entsprechend diesem Text verhalten. Er soll nur zum drüber nachdenken anregen 🙂

2 comments on “„Dann musst du aber auch…“

  1. Du sprichst mir (erneut) aus der Seele, liebe Sue! Ich bin diese Diskussionen auch sowas von leid… Wieso muss ich automatisch perfekt sein, nur weil ich keine tierischen Produkte esse/verwende??!! Naja…
    Jedenfalls ein toller Beitrag!

    Gefällt 1 Person

  2. schön aufn punkt gebracht XD

    Gefällt mir

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