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„Von glücklichen Kühen…“

… oder:
„Ich kaufe eh nur vom Bauern um die Ecke!“

Jeden Morgen fahre ich auf dem Weg zur Arbeit an einem „Milchviehbetrieb“ vorbei. Von der Straße aus sieht man noch groß den Schriftzug „HOME OF HAPPY COWS“ über dem Stall prangen, zusammen mit einem Schild, das auf die 24h zugängliche „Milchtankstelle“ hinweist, lustig mit dem Bildchen einer Comic-Kuh, an deren Euter ein Zapfhahn hängt. Haha.

Ich kenne diesen Hof schon seit Jahren und bin früher schon oft daran vorbei gefahren oder gelaufen. Aber erst in den letzten Tagen fiel mir etwas auf. Zwar ist ringsherum alles grün, aber überall wird etwas angebaut. Hauptsächlich Mais. Eine Weide ist nirgends zu sehen. Der Stall liegt etwas geschützt hinter einem kleinen Hügel. Ist ja auch ok, so haben die Kühe zumindest nicht direkt die Straße vor der Nase. Man kann da aber locker drüber oder dran vorbei gucken. Eine Wiese zum Grasen ist da definitiv nicht. Auf der Homepage wird man dazu eingeladen, sich den Hof gerne mal direkt anzusehen, es sind Bilder vom Stall, vom Gelände und den Tieren zu finden und auch ein kleines Video, indem über die Milchtankstelle berichtet und ein kleiner Einblick gewährt wird. Hier ist man sich sicher: das ist ein Leben, das eine Kuh glücklich macht!

hof
Quelle: Google-Maps

Wenn da nicht diese militanten Veganer wären, die an allem etwas rumzunörgeln hätten. In diesem Fall ziehe ich mir heute mal diesen Schuh an. Denn nachdem ich in den letzten Tagen wieder allerlei glorreiche Wortbeiträge zu hören (bzw. zu lesen) bekommen habe, die mich innerlich schwer an der Menschheit zweifeln lassen, möchte ich heute mal ein wenig über die Herkunft von Milch sprechen.

Der Wortbeitrag lautete übrigens in etwa:

„Milch geben ist für eine Kuh wie Stillen für eine (menschliche) Frau, für die ist das ja auch keine Qual, was soll also an Milch so schlimm sein?!“

Wie es einer Milchkuh in ihrem Leben so ergeht und warum sie nicht „dankbar sein soll, dass sie von uns gemolken wird“, habe ich hier einfach mal zusammengefasst:

Die Mutter

In einem Alter von ca. 15 Monaten werden die Kühe zum ersten Mal besamt (üblich ist ein Alter von etwa zwei Jahren, mein „Bauer um die Ecke“ beginnt das Spiel nach eigener Aussage also etwas früher), was in der Regel künstlich geschieht. Im Detail bedeutet das: der Kuh wird entweder ein Metallstab (oder auch der Arm des Bauern/Tierartzes) eingeführt und der Samen injiziert. Eine Kuh trägt ihr Kalb, wie auch Menschen, 9 Monate lang aus. Kaum auf der Welt wird es ihr allerdings auch schon wieder weggenommen. Meist nur wenige Stunden nach der Geburt, insbesondere bei männlichem Nachwuchs, Weibchen dürfen manchmal zumindest wenige Tage bei Mama verbringen. Schließlich ist die Muttermilch nicht für das eigene Kind gedacht, sondern für Menschen, denen die Muttermilch der eigenen Spezies im Alter irgendwie eklig erscheint. Klingt logisch, oder?

mom

Auch Kühe entwickeln während ihrer Schwangerschaft natürlich Mutterinstinkte. Der Verlust ihres Kälbchens ist für sie genauso dramatisch, wie für einen Menschen. Man findet etliche Bilder und Videos von Kühen, denen die Kälber genommen wurden. Oft laufen sie, soweit möglich, hinter ihren Kälbchen her und rufen noch tagelang nach ihnen. Und das erleben sie jedes Jahr aufs neue, nur damit ihr Milchfluss nicht versiegt. Nach 3-8 Wochen werden sie gleich wieder besamt und müssen direkt das nächste Kalb austragen.

Zweimal täglich werden die Kühe in ein sogenanntes „Melkkarusell“ geführt um gemolken zu werden. Oft sagt man mir, die Kühe würden das ja alles gerne machen, da sie freiwillig in dieses Karusell hineingehen. Wundern muss ich mich da allerdings nicht, wenn deren Euter bis zum Bersten voll mit Milch sind und kein Kälbchen zum saugen kommt ist die Kuh natürlich froh, wenn sie ihr schmerzendes Euter endlich entleeren kann. Ob das jetzt aber wirklich ein Umstand ist, den die Kuh toll findet, wage ich mal ganz humorlos zu bezweifeln.

Laut dem Milchhof aus meinem Beispiel geben deren Kühe im Schnitt 33 Liter Milch täglich. Die Futtermenge pro Tag und Kuh beträgt 60kg, was in diesem Fall aus einer Mischung von Mais, Stroh, Getreide, Raps, Gras, Biertreber, Rübenschnitzeln und Karotten besteht. Zusätzlich trinkt jede Kuh bis zu 140 Liter Wasser am Tag.

Die tägliche Menge an Milch, die eine Kuh inzwischen geben kann, liegt weit über ihren ursprünglichen Möglichkeiten. Heutige Zuchten wurden natürlich entsprechend angepasst, um den wahnsinnig hohen Bedarf an Milch und Milchprodukten der Menschen zu decken und noch kostengünstig prodzuzieren zu können. Das hat natürlich Auswirkungen, auf Ihren Körper, ihren Hormonhaushalt und auch auf die Abgabe von Hormonen in die Milch, die „wir“ dann trinken. Schaut hierzu mal in das Video vom Artgenossen rein, das ich euch unten eingestellt habe.

Die heutzutage übliche Lebenserwartung von Milchkühen liegt bei 5 Jahren, obwohl so eine Kuh unter normalen Umständen bis zu 25 Jahre alt werden kann. Nach fünf Jahren ist so eine Milchkuh allerdings so ausgezehrt, dass sie für die Milchproduktion nicht mehr zu gebrauchen ist. Die produzierte Milchmenge reicht nicht mehr aus, um ihr Weiterleben zu rechtfertigen. Die physisch und psychisch erledigten und vor dem Zusammenbruch stehenden Tiere werden als „Downer Cows“ (Kühe, die aufgrund von Schwäche, Krankheit und/oder Verletzungen nicht einmal mehr stehen können) bezeichnet und zur Schlachtung abtransportiert. Ihr Leben ist schlicht nichts mehr wert.

Die Kälbchen

Weiblicher Nachwuchs:

Nachdem das Kalb geboren wurde wird es in ein „Kälberdorf“ verfrachtet und wohnt in sogenannten „Kälber-Iglus“. Gerade mal 7 Tage lang erhalten sie dann Muttermilch (in einigen Fällen erhalten diese gar keine reine Muttermilch, da diese aufgrund der Zuchten oft nicht mehr für die eigenen Kinder geeignet wäre). Danach ist ein Milch-Wasser-Gemisch zum abgewöhnen üblich, gefolgt von einer Umstellung auf Rauhfutter. Das geschieht nach etwa einer Woche, wenn die Kälbchen vom Iglu in einen Kälberstall gebracht werden. Kontakt zu ihren Müttern haben die Kälber nicht mehr. Wenn sie Glück haben gewährt ihnen der Kälberstall ein wenig Freiraum und Nähe zu ihren Artgenossen. Üblich ist allerdings eher Einzelhaltung, in viel zu engen Käfigen oder auch die Anbindehaltung, die zwar theoretisch verboten ist, aber aufgrund etlicher gesetzlicher Schlupflöcher dennoch praktiziert wird.

Damit die Kühe sich später nicht gegenseitig verletzen können werden ihnen schon als junges Kalb die Hörner ausgebrannt, das sogenannte „Enthornen“. Bei diesem schmerzhaften Eingriff wird keinerlei Betäubung oder Schmerzmittel verwendet, ähnlich wie bei der Kastration von Ferkeln.

Sobald die Kälbchen dann 2 Jahre alt sind (bzw. eben 15 Monate bei meinem „Beispielhof“) geht für sie das selbe Spiel los, wie für ihre Mütter.

Männlicher Nachwuchs:

Männliche Kälber haben für die Milchindustrie keinen Nutzen, darum werden sie umgehend nach ihrer Geburt weggeschafft, also schnellstmöglich verkauft. Da sie aber auch für die Fleischindustrie nicht viel Wert haben, da sie aus einer anderen Zucht entspringen als die Rinder, die für ihr Fleisch gezüchtet werden, erreichen die Kälber maximal ein Alter von etwa 3-18 Wochen. In dieser Zeit werden sie weiterhin in viel zu engen Boxen gehalten. Üblich ist übrigens eine Eisen-arme Nahrung, die die Kälber zwar schnell fett, aber ihr Fleisch nicht dunkel werden lässt. Zitat eines Bauern dazu war so was wie „Die Hausfrau möchte ihr Kalbsfleisch lieber hell.“

Viel Liebe oder Mitgefühl bekommen sie in ihrem kurzen Dasein nicht zu spüren. Immerhin haben sie es schneller hinter sich als ihre Schwestern. Wirklich darüber freuen kann ich mich trotzdem nicht.

nummer

Das „HOME OF HAPPY COWS“ hier um die Ecke, soll „offen“ gestaltet sein, damit die Kühe frei entscheiden können, ob sie gerade fressen, rumlaufen oder liegen möchten. Ist das nicht großzügig…? 140 Milchkühe und deren weibliche Kälbchen sind dort zu Hause.

Als „interessant-informativen“ Hinweis merkt man dort sogar an, ob man denn wusste, dass eine Kuh JEDES JAHR kalben muss, damit sie Milch geben kann. Tatsächlich wissen das etliche Menschen gar nicht. Viele sagen mir im Gespräch sogar immer noch, dass sie dachten Kühe geben grundsätzlich Milch, weil es ja Kühe sind… Nur wenigen kommt tatsächlich in den Sinn, dass es sich hierbei um MUTTERMILCH handelt, die ja eigentlich einen Sinn und Zweck erfüllen soll. Und nein, ich meine jetzt nicht „damit der Kaffee besser schmeckt“.

Der „offene Stall“ zeichnet sich dann dadurch aus, dass die Kühe zwar schon liegen, fressen oder etwas herumlaufen können, auch eine große Bürste um sich daran zu kratzen ist verfügbar, aber so was wie Gras an den Hufen oder der Gang über eine Wiese ist nicht möglich. Man hat vom Stall aus zwar Blick auf die umliegenden Maisfelder, das wars aber auch schon.

(Achtung! Ich verwende hier nicht die Originalbilder vom Hof, habe aber bewusst Fotos ausgewählt, die dem dort vorgezeigten Stall entsprechen!)

Also selbst so ein „Bauer um die Ecke“, der verspricht seine Tiere „artgerecht“ zu halten und natürlich nur „glückliche Kühe“ zu beheimaten, unterscheidet sich nur geringfügig von der großen Masse. Ein bisschen mehr Platz, evtl. eine bessere Behandlung als in der Massenindustrie, wo Tritte, Schläge und sonstige Misshandlungen immer noch zum Alltag gehören. Wobei die „Enthornung“ noch gar nicht als Misshandlung betrachtet wird, ebensowenig wie das Leid, das beim Trennen von Kalb und Mutter entsteht oder die deutlich frühere Erst-Besamung der Kühe. Auch ein Leben, das nur im Stall stattfindet und Kontakt zu grünen Wiesen  nur auf der Milchverpackung ermöglicht, gilt noch als vorzeigbar.

Angenommen eine (menschliche) Frau würde erzählen, sie wäre entführt und eingesperrt worden, einmal im Jahr vergewaltigt, anschließend ihres Kindes beraubt um dann 2 Mal täglich gemolken zu werden, damit ihr Peiniger die Milch verkaufen kann – die breite Masse würde sich vor lauter Hass und Entsetzen gar nicht mehr einkriegen. Die Tatsache, dass sie „immerhin frei im Haus rumlaufen und auch mal zum Fenster rausgucken drufte“ würde die Sache vermutlich nicht besser machen. Aber leider ist eine Kuh ja nichts wert im Vergleich zum Menschen, die hat das dann vermutlich einfach verdient. Weil sie eine Kuh ist. Hätte sie sich mal vorher überlegen sollen.

Weitere Fakten zum Thema findet ihr z.B. auf Animal Equality

Zum Abschluss habe ich hier noch ein Video vom Artgenossen, der das Thema natürlich auch schon behandelt hat. Auf jeden Fall sehenswert!

 

Alternativen

Wer jetzt denkt, dass all dieses Leid eigentlich voll scheiße ist, aber man ja schließlich irgendwas in seinen Kaffee (Müsli/Kakao/Kuchenteig…) schütten muss, findet hier im ersten Teil meines Pflanzenmilch-Checks ein paar Anregungen. Wer da noch nicht fündig wird: ein zweiter Teil ist schon in Arbeit – Milchalternativen gibt es ja glücklicherweise wie Sand am Meer 🙂

8 comments on “„Von glücklichen Kühen…“

  1. Pingback: Was du nicht willst, dass man dir tu…

  2. Pingback: veganmagazin

  3. Großartiger Text und eine sehr gute Zusammenfassung. Vielen Dank. Unseren Kinder erzählen wir den ganzen Scheiß von glücklichen Kühen nicht!

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  4. Liebe Sue, vielen Dank für diesen tollen und wichtigen Beitrag! Ich hoffe, viele lesen diesen Text!
    Mich macht es so traurig und wütend, wenn ich diese Schein-Argumente höre. Es geht doch in der Milch-Industrie einzig und allein um Kohle-machen. Kühe, die glücklich auf grünen Weiden stehen, sind leider eine Seltenheit geworden.
    LG, Sharon

    Gefällt 1 Person

    • Ich glaube ja schon, dass es Menschen gibt, die dieses „Ich kaufe nur beim Bauern um die Ecke“ auch tatsächlich TUN und nicht nur davon REDEN. Auch wenn es eher wenige sein werden. Aber gerade da wäre mir echt wichtig, wenn die Menschen verstehen würden, dass das leider keinen wirklichen Unterschied macht. Gerade so diese Erkenntnis, als ich diesen Milchviehbetrieb hier bei mir fast nebenan mal genauer angesehen habe, ist wirklich traurig. Sicher glauben die Leute, die an dieser Milchstankstelle kaufen, dass sie da etwas „tierfreundlicheres“ unterstützen. Nur sobald man eben genauer hinsieht fällt diese Fassade in sich zusammen. Ich hoffe auch, dass viele solche Texte lesen werden und vielleicht doch nochmal genauer darüber nachdenken werden.

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