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Tatort Tofu-Wurst

„Ich finde es ja ok, wenn jemand vegan ist, aber dann soll er auch ganz verzichten und nicht Fleischgerichte pflanzlich nachbauen!“

„Fleischersatzprodukte sind doch Selbstbetrug, das heißt doch im Endeffekt, dass  ihr DOCH Fleisch essen wollt!“

„Wenn schon vegan, dann aber richtig: wenn ihr kein Fleisch
essen wollt dann imitiert es doch nicht auch noch!“

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Viele Nicht-Veganer scheinen sich sehr daran zu stören, wenn Veganer Ersatzprodukte essen. Also Produkte wie Wurst, Käse, Schnitzel, Hackfleisch, Burgerbratlinge, Bratwurst, Frischkäse, Milch und so weiter, nur eben pflanzlichen Ursprungs.

So ganz erklären, warum das für manche Menschen ein Problem ist, kann ich mir nicht. Auf mein Nachfragen hin kommt meist so was wie „Das ist doch dann Selbstbetrug!“ oder „Wenn du es dir nachbauen musst kannst du doch auch gleich Fleisch essen!“. Aber auch das erklärt mir irgendwie nicht, warum das für andere Leute ein Problem sein sollte. Da es aber ein schier unermüdliches Thema ist und ich mich letzte Woche grade wieder mit meiner Mutter darüber unterhalten habe, möchte ich diesen Punkt gerne nochmal etwas näher erläutern.

Praktische Gründe

Zunächst mal hat so eine „Imitation“ einen simplen, praktischen Grund. Die Form von Bratwurst, Bratling oder Käse macht ja schon irgendwie Sinn. Klar könnte man jetzt auch versuchen, quadratische Würstchen zu formen oder sich kleine Kugeln aufs Brot drapieren, aber irgendwie wäre das etwas umständlich und vermutlich auch nervig zu essen, wenn einem ständig  die „Vurst-Kugeln“ von der Stulle rollen. Auch auf dem Grill kommt ein Produkt in Bratwurst oder Bratlingsform irgendwie besser, als Pyramiden oder Quader. Bei der Formgebung von Wurst, Käse und Grillgut hat sich ja schon irgendwann mal jemand was gedacht.

Tatsächlich gibt es aber auch hier inzwischen Alternativen, die man als Veganer zu Nicht-veganen Parties mitbringen könnte, ohne gleich wieder unangenehm mit Wurst-förmiger-NICHT-Wurst aufzufallen: Das Oktagon von Wheaty!

(Ein) Problem gelöst!

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Wiedererkennungswert

„Wie Leberwurst“. „Wie Lyoner“. „Wie Ente“.

Vor kurzem ging es genau darum auch in dem Gespräch mit meiner Mutter. Warum müssen Veganer ihren Ersatzprodukten denn Namen geben, die vom tierischen Ursprungs-Produkt stammen? Warum nennt man es nicht einfach „Brotbelag“?

Ganz einfach, weil sich da kein Schwein was drunter vorstellen kann. Den „Brotbelag“ gibt es ja z.B. mit Würzmischungen, die an Salami erinnern, oder an Lyoner. Man könnte jetzt natürlich auch schreiben „Brotbelag mit Knoblauch, Salz und Pfeffer“, aber wirklich hilfreich klingt das auch nicht. Eigene Bezeichnungen erfinden die erstmal kein Mensch kennt? Nur damit Nicht-Veganer sich nicht darüber aufregen müssen? Näää, muss echt nicht sein, finde ich. Wenn ich weiß, dass ich schon herkömmliche Salami nicht mochte, dann werde ich mir die Vegan-Salami mit ziemlicher Sicherheit auch nicht kaufen. Aber wenn ich früher gerne grobe Leberwurst gegessen habe könnte der „Grünkernaufstrich ’nach Art Pfälzer Leberwurst‘ “ doch durchaus was für mich sein.

Vielen ist es ja auch ein Hinderniss, dass sie erstmal gar nicht wissen, wie sie mit dem Vegan-sein anfangen sollen. Was leg ich mir denn dann aufs Brot? Was nehme ich zum Grillen mit? Was esse ich jetzt zu meinen Knödeln?! Gerade für Einsteiger sind diese Produkte eine echte Hilfe. Erfahrungsgemäß und auch gemäß etlicher Umfragen werden diese Ersatzprodukte von Langzeit-Veganern eh eher selten verwendet. Aber wenn es den Einstieg erleichert, warum nicht? Liest man dann „Aha, dieser Brotbelag soll wie Salami schmecken“ oder „dieses Stück Seitan ist gewürzt wie ein Stück Entenbraten“, dann weiß man doch schonmal, was man damit anstellen kann. Warum umständlich, wenns auch einfach geht?

Aber einfach ist der veganen Welt wohl nicht vergönnt, sind diese Bezeichnungen wie „vegane Wurst“ oder gar „veganer Käse“ einigen Nicht-Veganern ein brennender Dorn im Auge, wie zuletzt >>hier<< mitzuerleben war, als eine Käseliebhaberin ihrer Wut über diese veganen Un-Dinge Luft gemacht hat. Tatsächlich hat die Welt reagiert, in Zukunft wird veganer Käse nun – wie auch sonst?! – Gary genannt werden. Isdochklar!

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Auch hier wurde wieder heimtückisch die originale Form der Bratwurst für einen veganen Nachbau geklaut! Skandalös!

Geschmack

Nicht wenige Veganer haben rein gar nichts gegen den Geschmack von Fleisch, Wurst und Käse. Was sie allerdings nicht so toll finden sind die Hintergründe, die zu diesen Produkten nun mal unweigerlich dazugehören. Kurz: sie mögen zwar wie es schmeckt, wollen aber nicht, dass Tiere dafür verletzt, ausgebeutet oder gequält werden. Zum Beispiel.

Wie viel einfacher ist es doch dann, wenn man zuminest einige der einst geliebten Geschmäcker weiter genießen kann, OHNE dass irgend jemand dafür verletzt und getötet werden muss?! Ständig bekomme ich zu hören „Ich würde mich ja vegan ernähren, aber ich würde XX einfach zu sehr vermissen!“. Ernsthaft, dieser Satz fällt STÄNDIG!

Was, wenn man gar nicht ganz auf seine Lieblingsspeisen verzichten müsste, sondern einfach nur ein wenig offen sein und umdenken? Wäre das nicht TOLL?? Dann gute Nachrichten – es IST toll, weil es möglich ist. In Form von vielen veganen Varianten die inzwischen schon echt nah ans Original rankommen! Oder vielleicht etwas anders schmecken aber genauso lecker sind und den Platz des neuen „Lieblingsgerichts“ einnehmen.

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Selbstbetrug

Seitan in Form von Bratwürstchen, Soja-Steaks, Schwarze-Bohnen-Burger-Bratlinge, Räuchertofu als Speck-Ersatz. All das regt die Wut in einigen Nicht-Veganern, finden sie doch, das Veganer sich damit gnadenlos selbst betrügen würden. Wenn die kein Fleisch essen wollen soll es gefälligst auch nicht so aussehen!

Aber wie sieht denn so ein Würstchen eigentlich tatsächlich aus? Wirklich wie das, was auch drin ist? Und was IST da so genau drin? Gerade bei feinen Sachen wir Bratwurst, Scheibenwurst oder Fleischkäse/Leberkäse wird ja gerne alles mögliche „verwurstet“. Das muss generell nichts schlechtes sein, aber ob man das tatsächlich so essen wollte? Augen, Mandeln, Darm, Hirn, Rückenmark… wenn man das so essen möchte, warum denn dann anonym in Wurstform pressen oder zu „Fleischkäse“ formen? Warum dann den Geschmack mit Gewürzen verfälschen, wenn man doch FLEISCH essen möchte? Warum nicht einfach nur die blanken, ungewürzten und unverformten Körperteile essen, wo man auch genau sieht welches Teil vom Tier man gerade auf dem Teller hat? Ist das nicht irgendwie total unehrlich? Selbst eine Schweinshaxe sieht nicht mehr sehr nach Schwein aus. Von Chicken-Nuggets mal ganz zu schweigen.

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Und was soll das eigentlich mit diesem alkoholfreien Bier oder zuckerfreier Cola? Kann man das nicht anders nennen? Und verpacken? Und färben? Damit es halt auch nicht mehr aussieht wie Bier oder Cola? Man könnt es dickflüssiger machen als normales Bier. Man könnte es „Wasser mit Hopfenaroma“ nennen, grün färben und im Tetrapack verkaufen. Damit man sich auch gleich auskennt, dass das hier kein tatsächliches Bier ist. Weil wenn man schon ein Bier trinken möchte, dann doch richtig.

Und warum pressen wir Gelatine in Bärchenform oder formen es gar wie Himbeeren oder andere Früchte? Und geben dann allerlei Geschmacksstoffe hinzu? Laut Haribo besteht die Gelatine ihrer Bärchen z.B. aus Schweineschwarten, also diese dicke Bindegewebsschicht vom Schwein. Warum das so mit Zucker und Geschmäckern verfälschen, wer Bindegewebe lutschen möchte soll das doch bitte ganz ehrlich und direkt tun!

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Völliger Blödsinn meint ihr? Macht doch kein Mensch? Kann ich sogar echt verstehen. Einem Veganer dann aber Selbstbetrug vorwerfen, weil er sich GEGEN diese Inhaltsstoffe entscheidet und den Geschmack, der so oder so ja eher durch die beigefügten Gewürze entsteht, auf einen angenehmeren Geschmacksträger schmiert, ist auch irgendwie Banane, findet ihr nicht?

Unterm Strich muss man doch auch ganz ehrlich zugeben, dass es ziemlicher Quatsch ist sich über solche Dinge aufzuregen. Zumal ja an keinem Fleischesser damit irgend ein Schaden verursacht wird, wenn so ein Veganer aufgrund von Einfachheit, Gewohnheit oder Genuss zum Würstel aus Seitan greift, anstatt zu Fleischabfällen im Kunstdarm. Ziemlich sicher macht er das nämlich auch aufgrund einer ganz bewussten Entscheidung und nicht, weil er sich eigentlich heimlich wünscht DOCH Fleisch zu essen, aber sein Umfeld ihn einfach nicht lässt. Denn würde er es tatsächlich WOLLEN bin ich fast sicher, er hätte die Möglichkeit es zu tun.

8 comments on “Tatort Tofu-Wurst

  1. SPITZEN BEITRAG!!! genial geschrieben!

    Gefällt 1 Person

  2. Endlich alle Antworten an einem Ort! Großartig! 👍 Toller Artikel!

    Gefällt 1 Person

  3. Hallo:)

    wieder ein sehr toll geschriebener Beitrag 🙂
    Mich persönlich stört an der Geschichte eigentlich nur, dass große Firmen, die Anfangs
    mit der veganen Branche nix zu tun hatten, auch solche Alternativen verkaufen.
    Es ist einfach schwer zu entscheiden, ob dies gut oder schlecht ist.
    Aus gesundheitlicher Sicht vielleicht ein wenig besser. Aber die Nachhaltigkeit ändert sich nicht wirklich,
    weil ich glaube,dass die Produktion der tierischen Massenware, ja nicht sinkt.
    Der Markt ändert sich nur und dann wird die Ware im Ausland verkauft :/

    Aber man weis ja nie, was die Zukunft bringt, vielleicht erkennen manche Firmen
    noch, dass man im Ernährungsbereich nicht auf ständiges Wachstum setzen kann 🙂

    Ich persönlich, esse ab und zu gerne mal ein Tofu Würstchen oder Sojahack. Aber alles
    andere habe ich mir mittlerweile abgewöhnt, weil ich auch nicht zu viele Fertigprodukte
    essen will 🙂

    lg

    Gefällt 1 Person

    • Grundsätzlich finde ich es gar nicht so verkehrt, dass auch diese un-veganen Firmen ein veganes Angebot haben, da man so erstmal leichter die Aufmerksamkeit von mehr Nicht-Veganern bekommt. Immerhin ist das Vegan-Thema inzwischen ja in aller Munde und heiß diskutiert, also zumindest nichts unbekanntes mehr. Und viel mehr Menschen bekommen so die Gelegenheit es doch zumindest mal auszuprobieren. Danach kann man dann immer noch die Ansprüche höher schrauben und nur noch bei rein veganen und ehtisch korrekteren Firmen einkaufen. Step by step.

      Das man sich nicht grundsätzlich von so Fertig-Zeugs ernähren sollte ist hoffentlich eh den meisten Menschen bewusst, das hat mit „gesund“ ja so oder so nix zu tun.

      Und auch wenn jetzt viel Ware ins Ausland verkauft wird, Veganer gibts ja nicht nur in Deutschland. Klar wollen Firmen erstmal ihren Umsatz beibehalten und verkaufen das wohin sie halt können. Aber auch daran wird ja gearbeitet. Die Erfolge sieht man aber wohl erst in vielen Jahren. Aber ich bin mir sicher es WIRD sich verbessern, wenn man den Kurs beibehält und noch mehr Menschen anfangen umzudenken. Denn langfristig wird so ein billig-Verkauf ins Ausland für solche Firmen auch nicht sehr rentabel sein.

      Vielen Dank auf jeden Fall für deine Rückmeldungen, da freue ich mich immer sehr drüber 🙂

      LG, Sue

      Gefällt mir

      • Hallo 🙂
        vielen dank für die sehr ausführliche Antwort 😉 Es ist immer sehr interessant, wenn man auf einer solchen sachlichen und höfflichen Ebene diskutieren kann.

        Ich glaube, dass wir auf lange Zeit, keine andere Lösung haben. Es ist immer fraglich, welche der wichtigste Aspekt von dem ganzen Thema ist.
        Also ist es jetzt besser, dass die großen Konzerne auch pflanzliche Produkte anbieten und dadurch dem
        ganzen Thema „vegane Ernährung“ eine größere Plattform bieten?

        Oder ist es wichtiger im Auge zu behalten, dass sich nicht groß etwas daran ändern wird. Die konsumierte Menge gleich bleibt, nur der Markt sich ändert?

        Ich schließe mich aber deiner Meinung an, wir werden erst in vielen Jahren sehen, was für Auswirkungen das ganze Thema hat. Es muss eigentlich eine Verbesserung sein, weil ewiges Wachstum funktioniert nicht.

        Ich wünschte, dass es jedem klar wäre, dass Fertigprodukte nicht gesund sind (oftmals), aber ich glaube, dieses Thema wird in der Zukunft noch viel komplizierter werden.
        Natürlich darf man die Gegenbewegung nicht außeracht lassen, wir können froh sein, was in
        Zeiten von social Media alles möglich ist 😉

        Gefällt 1 Person

  4. witzig, da hatte wheaty wohl den (ziemlich großartigen) beitrag vom graslutscher gelesen: http://graslutscher.de/guten-tag-ich-hatte-gerne-2-kilo-sojahack-in-oktaeder-form-bitte/

    und wieso machen fleischesser eigentlich wurst mit bärchengesicht, anstatt den bären einfach direkt zu essen?

    Gefällt 2 Personen

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