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„Jeder wie er mag“

oder „Leben und leben lassen“

Mir ist bewusst, dass ich in letzter Zeit so ein bisschen in einem Wespen-Nest herumstochere und heute womöglich auch einigen der wohlwollenden Nicht-Veganern ein bisschen auf den Zehen stehen werde. Bitte versteht das, wie immer, nicht als Angriff, sondern ausschließlich als Erläuterung meiner Sichtweise 🙂 Ick hab euch lieb!

Da ich aktuell wieder in Foren das leidige Thema „Ich finde ja ok, dass die Vegan sind, aber warum müssen sie MIR damit auf den Sack gehen?“ mitverfolgen musste (was dann leider völlig ausgeartet ist..) versuche ich das nochmal so zärtlich wie möglich zu formulieren.

Auch das Statement, dass man mit Vegan so gar kein Problem hat, dass man Streit zwischen Veganern und Anti-Veganern auch doof findet und dass doch einfach jeder so leben soll, wie er möchte, ist sicher lieb und nett gemeint und vermeidet natürlich jegliche Konfrontation oder Streit miteinander. Ein friedliches Miteinander ist im Grunde ja auch genau das, was ich mir wünsche. Und natürlich steht ein respektvoller Umgang auch bei verschiedenen Sichtweisen erstmal im Vordergrund.

Ihr vermutet richtig, hier folgt ein ABER.

Auch wenn ich nicht jedesmal, wenn jemand neben mir eine Bratwurst schnabuliert oder mit mir im Restaurant sitzt und ein Steak bestellt, auf die Barrikaden gehe und anfange zu moralisieren und zu stänkern – gefallen tut mir das selbstverständlich trotzdem nicht. Für so ziemlich jeden ethisch-motivierten Veganer ist Veganismus durchaus eine Art Kampf, den jeder auf seine Weise führt. Die einen auf aggressive und direkte Weise, andere vielleicht eher durch Aufklären und immer-wieder-runterbeten, andere vielleicht auch nur im Stillen, durch positives Vorleben und Aufzeigen.

Ich selbst sehe mich in den letzten beiden Kategorien: ich möchte vorleben, wie erfüllend und einfach ein veganes Leben sein kann, aber auch aufklären. Gerne immer und immer wieder, wenn es gerade passt. Das bedeutet: ich ignoriere schon auch mal Kommentare und rolle innerlich einfach nur mit den Augen. Wenn ich aber die Chance auf ein echtes Gespräch sehe nehme ich diese gerne wahr und suche den Austausch. In meinem eigenen Blog kann ich das natürlich ganz unaufdringlich tun – wer es absolut nicht hören will liest den entsprechenden Beitrag halt einfach nicht. Ich hoffe natürlich auf jene, die aufgeschlossen bleiben und sich zumindest mal anschauen, was da eigentlich geschrieben wird und womöglich sogar mal selbstkritisch darüber nachdenken.

Tatsächlich konnte ich auf diese Weise schon den einen oder anderen einen kleinen Schubs geben. Manche wurden selber Veganer, andere haben sich zumindest ein Stück weit geöffnet und ihre eher ablehnende Haltung gelockert. Finde ich toll!

fressen-lasen
http://www.der-artgenosse.de

Warum aber nicht einfach jeden so leben und essen lassen, was und wie er mag?! Immerhin verlangen Veganer ja auch, dass man sie in Ruhe vegan sein lässt. Wäre es da nicht nur fair, wenn sie es andersrum auch tun würden?

Jein.

Das „Problem“ bei der Sache besteht hier aus folgendem Punkt. Jemand, der vegan lebt versucht in der Regel, möglichst wenigen Lebewesen zu schaden (dabei meine ich nun nicht nur Tiere, sondern z.B. auch Menschen in Drittländern, die unter unserem Konsum leiden) bzw. die Umwelt möglichst wenig zu zerstören. Man versucht also schon „zu leben und leben zu lassen“.

Und jetzt kommt´s… tut mir leid, aber ich kann hier nicht weitermachen ohne das Folgende auszusprechen:

Der Konsum von tierischen Produkten, egal ob in Form von Milch(produkten), Fleisch, Wurst, Pelz, Leder und ähnlichem, verursacht auf der Welt ernormes, unnötiges Leid in Form von Tierquälerei, Tod, Schmerz, Zerstörung von Natur und Umwelt, Armut und Welthunger. Um es mal ganz kurz zu fassen.

Hier nun der versöhnliche Teil:
Mir ist klar, dass die Wenigsten dieses Leid und diese Zerstörung beabsichtigen oder gar böswillig hervorrufen wollen. Das möchte ich wirklich niemandem vorwerfen. Das Problem liegt also eher darin, dass es den meisten Menschen gar nicht bewusst ist, wie groß die Auswirkungen ihrer Gewohnheiten tatsächlich sind. Es dämmert evtl. schon im Unterbewusstsein, man versucht sich das in der Regel ja auch mit „Ich esse eh ja nur ganz selten Fleisch“ oder „Ich kaufe doch aber nur Bio“ schön zu reden. Und es hat auch einen Grund, warum es kaum jemand erträgt diese ganzen Filme zu sehen, die Hintergründe der Fleischproduktion, Videos von unmöglichen Bedingungen in der Fleischindustrie. Den Film Earhtlings konnte ich erst ertragen, als ich bereits vegan war und selbst jetzt muss ich dabei weinen. Dabei wäre es viel wichtiger gewesen, ich hätte ihn mir schon vorher angesehen. Ich weiß, es ist nicht leicht sich der Folgen des eigenen Konsums tatsächlich bewusst zu werden. Ehrlich, ich habe früher auch so gedacht und gehandelt, ich war schließlich die meiste Zeit meines Lebens kein Veganer, ganz im Gegenteil. Ich fand die früher auch oft eher nervig. Hauptsächlich weil sie unbequem sind, wie ich heute zugeben muss. Erst recht, wenn sie mir dann auch noch vor Augen führen, dass mein Versuch „nur Biofleisch zu kaufen“ unterm Strich auch nichts besser macht und die Konsequenzen nach wie vor elendig sind.

Mir ist also klar, dass die Mehrheit der Menschen keine bösen Absichten hegt, sondern schlicht in Gewohnheit und Unsicherheit festhängt.

Aber es schmeckt doch so gut.
Ich achte doch auf die Herkunft meiner Lebensmittel.
Vegan leben ist so schwierig.
Und teuer.
Und umständlich.
Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.
Sojamilch im Kaffee schmeckt mir nicht.
Ohne Fleisch auf dem Teller bin ich nicht richtig glücklich.
Vegan leben ist ungesund.
Ich könnte nie auf XX verzichten.

Es gibt viele Punkte, die einen selbst davon abhalten, sich einem veganen Leben anzunähern. Das Schwerste ist allerdings, zumindest meiner Ansicht nach, der Entschluss. Man muss sich erst bewusst, wirklich bewusst werden, welche Auswirkungen der eigene Konsum hat. Ohne Schönreden. Ohne sich in Ausreden zu verstricken, die man sich selbst bietet um so weiter machen zu können wie bisher. Veränderung ist oft beängstigend, erst recht wenn man sich selbst etwas eingestehen muss. Nämlich die Tatsache, DASS man sich tatsächlich etwas vorgemacht hat und man an Dinge geglaubt hat, von denen man evtl. immer schon insgeheim ahnte, dass sie so nicht richtig sein können. Aber es war bequem daran zu glauben, hat es doch die eigene Gewohnheit beschützt.

Ich verstehe das – wirklich!

Die gute Nachricht ist: hat man diesen Schritt erstmal gewagt geht es bergauf! Man hat nun eine ganz neue Welt vor sich, die es zu entdecken gilt. Man kann sich Dingen öffnen, die man vorher versucht hat zu ignorieren. Ja, es gibt auch weiterhin unschöne Erkenntnisse. Und ja, andere Menschen machen es einem da gerne auch mal schwer. Oft frustriert das, da bin ich ganz ehrlich. Man empfindet auch oft Wut.

Auf der anderen Seite steht, dass man mit sich selbst viel mehr im Reinen ist. Ganz abgesehen von den -positiven!- körperlichen Veränderungen, die ich nach meiner Umstellung erleben durfte, habe ich das Gefühl sehr viel bewusster zu leben. Da ist die Erkenntnis, dass viele Dinge, von denen man dachte man würde sie zum Glücklichsein brauchen, gar nicht notwendig waren und dass man sich selbst damit nur im Weg stand. Das ist auch der Grund, weswegen viele Menschen nach ihrem Schritt zum vegan-sein immer weiter gehen, auf immer mehr Dinge achten und versuchen immer mehr Rücksicht auf ihre Umwelt zu nehmen. Klar gibt es da Unterschiede, von Mensch zu Mensch, manche brauchen länger dafür. Manchen reicht es auch „nur“ vegan zu leben. Aber es ist ein Anfang! Ein Schritt in das wirkliche
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Also ja, ihr Lieben, es ist schön, wenn ihr findet, dass jeder „so machen soll wie er mag“. Aber gebt euch und der Welt gerne die Chance und überdenkt mal „wie ihr so mögt“ und ob ihr das tatsächlich so mögt. Oder ob ihr nicht nur im selben trügerischen Gewohnheits-Trott festhängt wie ich früher und viele andere schon vor mir. Und keine Sorge: Wenn ihr nicht wisst, wie ihr da rauskommt und wie ihr am besten anfangen könnt – es gibt viele Menschen, die euch wirklich gerne dabei helfen würden. Auch ich 🙂

2 comments on “„Jeder wie er mag“

  1. Das ist ein schöner Artikel! Ehrlich und direkt aber trotzdem respektvoll. Gut geschrieben, finde ich! 🙂 LG Birte

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